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REVIEWS



800 Bullets   

800 Bullets
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Original: 800 balas   (Spanien, 2002)
Laufzeit: 121 Minuten (PAL)
Studio: e-m-s
Regie: Alex de la Iglesia
Darsteller: Sancho Gracia, Carmen Maura, Angel de Andres Lopez u.v.a.
Format: 2.35:1 Widescreen (16:9)
Ton: DD5.1 Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Deleted Scenes, Interviews u.m.
Preis: ca. 15 €
Wertung: 2 / 2+/ 3+ (Bild/Ton/Extras)


"Für eine Handvoll Euros"

Nach seinem Überraschungserfolg von “Allein unter Nachbarn” (Review siehe hier) wandte sich Regisseur Alex de la Iglesia wieder mal einem Genre zu, dass man so nicht von ihm erwarten konnte: dem im spanischen Almeria gedrehten Italowestern. Die zerklüftete karge Wüstenlandschaft bot in den 60-er und 70-er Jahren die Kulisse für unzählige Produktionen, die vom richtig miesen Z-Western bis zu Großproduktionen wie “Lawrence von Arabien” reichte. Der Aufstieg und Fall des populären Italowestern spiegelte ebenfalls das Schicksal der sich dort angesiedelten Filmindustrie -hauptsächlich der Stuntleute und Ausstatter - wieder. Ein Schicksal letztlich auch der realen Western-Vorbilder, die irgendwann vom Fortschritt der Zivilisation überrollt wurden. “800 Bullets” wirft einen Blick auf das seltsame Leben des abgehalfterten Stuntman Julián (Sancho Gracia ist tatsächlich spanisches Schauspiel-Urgestein und hat u.a. in “Töte Django” und “Die Rache der glorreichen Sieben” mitgespielt!). Einst ist er laut eigenen Angaben mit den Großen Hollywoods wie Clint Eastwood geritten. Inzwischen leitet er nur noch eine schäbige Western-Show in Almeria für vornehmlich deutsche Touristen. Erst als aus heiterem Himmel sein kleiner Enkel Carlos (Luis Castro) bei ihm auftaucht, wird er dazu gezwungen, sich mit seiner tragischen Vergangenheit, die ihn mit seiner Familie entzweite, und seinem jetzigen Leben auseinanderzusetzen. Doch gerade als Opa seinem Sproß das vermeintlich süße Westernleben näher bringt, steht Carlos Mutter (Carmen Maura) vor der Saloon-Tür. Sie hat Juliáns Westernstadt als Gelände für einen Vergnügungspark aufgekauft. Für Opas Western-Truppe von Außenseitern und Tagedieben bedeutet dies den Kampf - und zwar mit 800 echten Kugeln in Pistolen und Gewehren.
Was sich als Szenario ganz großartig anhört, gerinnt in den viel zu langen 121 Minuten zu einem unausgegoren Brei aus Familientragödie, Western-Abgesang, Sozialkomödie, Coming-of-Age-Erlebnis und besonders seltsamer Actionfarce. Leider kommt keines der genannten Elemente voll zur Blüte, wobei die Unentschlossenheit in der Auswahl der Themen den Film über seine zwei Stunden deutlich zerfasert. Wie unsicher Iglesia bei der Austachierung seiner Geschichte war, zeigt das alternative Ende des Films bei den Extras der DVD (siehe unten). Letztlich bleiben alle Erzählstränge in der Luft hängen und kommen final zu einem ungerechtfertigtem wie fast peinlichem Ende. Eigentlich möchte man deswegen aufspringen und Iglesia eins in die Schnauze hauen, nur um ihm anschließend einen Drink an der Bar zu spendieren, weil er es wenigstens versucht hat.

BILD

800 Bullets

Das anamorphe Widescreentransfer (2.35:1) basiert auf einer sehr guten Vorlage, die frei von Verunreinigungen ist. Trotz einer leichten Überkontrastierung des Bildes liefert der Transfer ein scharfes wie sauberes Bild, das nur gelegentlich von geringem Hintergrundrauschen gestört wird. Allein der knallige Vorspann - eine grandiose Italowestern-Hommage - zeigt, wie gut der Transfer gelungen ist. Die Farben sind sehr kräftig, aber wirken nicht unnatürlich. Die Konturen bleiben sauber und werden nicht überschienen oder matschig. Der Schwarzlevel ist sehr tief und bietet noch ausreichend Details. Die Kompression arbeitet ebenfalls sauber und hält das Bild stabil und von digitalen Artefakten frei. Gut.

TON

800 Bullets

Sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch (mit deutschen Untertiteln) ist DD5.1-Sound sehr gelungen. Sowohl die wirklich tolle Italowestern-Musik von Roque Banos als auch die Surroundaktivität können sich hören lassen. Allein die eröffnende Verfolgungsjagd einer Postkutsche sorgt für ordentlich Wirbel auf allen Kanälen. Besonders die Schusswechsel können dank Bass einen ordentlichen Wumms aufweisen und sind ebenfalls immer räumlich vernehmbar. Die Dialoge sitzen gut verständlich im Centerkanal und sind gut in die gesamte Soundkulisse integriert. Störende Überlappungen kommen nicht vor. Die deutsche Synchronisation ist zudem wirklich ganz gut gelungen und kann sich hören lassen. Ein sehr gelungener Audiotrack.

EXTRAS

Das “Making of” ist 20 Minuten lang und hat leider nur einen größeren PR-Charakter. Alex de la Iglesia spricht nur kurz über die Inspiration zum Film. Wenigstens bekommt man einige nette Behind-the-Scenes Momente einschließlich der ersten Leserunde des Skripts mit den Akteuren zu sehen. Ansonsten bleiben die Kommentare der Schauspieler und Mitwirkenden recht oberflächlich. Insgesamt nett aber nicht großartig.
Die vier Interviews (Iglesia, Maura, Gracia und Angel de Andres) sind zum Teil schon im “Making of” zu sehen und können hier separat und in ganzer Länge angeschaut werden. Interessantere Momente gibt es hier aber auch nicht.
Die acht geschnittenen Szenen (ca. 7 Min.) sind tatsächlich nur wenig erhellende Erweiterungen, die ihren Platz in dieser Sektion verdient haben. Die Szenen sind in Standard-Widescreen auf Spanisch mit deutschen Untertiteln.
Das “Alternative Ende” ist eigentlich ein erweitertes Ende, in dem die komplette Familientragödie von Julian in einem etwas aufgesetzten Dialog zu einem sinnvollen Ende gebracht wird. Dass Iglesia diesen Teil herausgenommen hat, liegt wohl an der deutlichen Epilog-Funktion der Szene, die einfach so wirkt, als habe man versucht, alles zuvor versäumte in wenigen Minuten nachzuholen. Hier zeigt sich eigentlich wie viel mehr Potential in dieser Geschichte hätte schlummern können.
Teaser, Trailer und TV-Spots zum Film sowie eine Bildergalerie und ein Storyboard-Film-Vergleich der Eröffnungssequenz sind ebenfalls auf der Scheibe enthalten. Über Texttafeln ist auch noch eine Kurzbiografie von Alex de la Iglesia zu lesen.

FAZIT

Leider ist “800 Bullets” zur bisher größten Enttäuschung von Alex de la Iglesia geworden. Die unentschlossene Dramaturgie bläht den Film unnötig auf und lässt den Abgesang auf den spanischen Italowestern in einem schwachen Familiendrama ertrinken. Die DVD liefert allerdings eine solide Qualität und ein paar Standard-Extras. Nur für eingefleischte Italowestern-Fans und Iglesia-Komplettisten.



Kay Pinno


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