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Sierra Charriba   

Sierra Charriba
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Original: Major Dundee   (USA, 1964)
Laufzeit: 130 Minuten (PAL)
Studio: Sony Pictures
Regie: Sam Peckinpah
Darsteller: Charlton Heston, Richard Harris, Jim Hutton, James Coburn, Mario Adorf, Senta Berger u.a.
Format: 2.35:1 Widescreen (16:9)
Ton: DD5.1 Englisch DD-Mono Deutsch, Fr, It, Spa
Untertitel: Deutsch, Englisch, Tr u.v.a.
Extras: Kommentar, Doku., weitere Szenen u.v.m.
Preis: ca. 20 €
Wertung: 2 / 2 / 1- (Bild/Ton/Extras)


"Auf der Jagd!"

Ausgerechnet “Sierra Charriba” sollte für den damals noch kaum bekannten Sam Peckinpah sowohl zum Sprungbrett als auch zum Beginn seines unaufhaltsamen, persönlichen Absturzes werden. Nachdem er mit seinem zweiten Kinofilm “Sacramento” (Originaltitel “Ride the High Country”) ein wenig Aufsehen erregt hatte, bekam er das unwiderstehliche Angebot, einen epischen Western in der Zeit des späten amerikanischen Bürgerkriegs zu inszenieren. Das Studio Columbia besaß zudem noch eine Option auf Charlton Heston, der gerade durch “Ben Hur” als großer Kassenmagnet gehandelt wurde. Kurz vor Drehbeginn wurde das zunächst hohe Budget für den Film aber trotzdem ordentlich gekürzt, Peckinpah besaß noch kein fertiges Script und die kreativen Differenzen zwischen Regisseur, Produzent und Studio sollten erst noch anfangen. Zudem sollte die aufwendige Logistik in Mexiko den Filmemachern ordentlich Probleme und Kosten bereiten. Als das Studio schließlich mitten in der Produktion Peckinpah feuern wollte, sprang ihm sogar Charlton Heston zur Hilfe und verzichtete auf seine Gage. Trotzdem wurde Peckinpah der Film zunächst von Produzent Jerry Bresler und schlussendlich zum finalen Todesstoß von Columbia im finalen Schnitt aus den Händen genommen. Im Kino blieb deshalb nur der Torso eines sichtbar guten Films zurück. Die auf der DVD enthaltene, restaurierte Fassung (ca. 12 minuten länger) entspricht in etwa der Fassung, die Bresler noch in halber Kooperation mit Peckinpah angefertigt hatte und einige deutliche Lücken der alten Kinofassung stopft. Trotzdem bleiben einige Szenen und vor allem Peckinpahs Zeitlupen-Material zu diesem Film immer noch verschollen. Die ungewöhnliche Geschichte der Jagd des Nordstaaten-Majors Dundee (Heston) nach dem brandschatzenden Apachen-Häuptlings Sierra Charriba (Michael Pate) erinnert sowohl an John Fords Klassiker “Der Schwarze Falke” als auch an Melvilles “Moby Dick”. Nachdem Charriba wieder einmal gemordet und ein paar Siedler-Kinder entführt hat, heftet sich der in ein Gefangenenlager strafversetzte Dundee an die Fersen der blutgierigen Rothäute. Als Hilftstrupp hat er allerdings nur ein paar Leute seiner Wachmannschaft und einen Haufen inhaftierter Südstaatler unter der Führung seines ehemals besten Freundes Benjamin Tyreen (Richard Harris), der zum Süden übergelaufen ist. Dazu kommen dann noch ein indianischer Scout und ein paar schwarze Soldaten, die den gebeutelten amerikanischen Mikrokosmos perfekt machen. Auf der Verfolgung, die schließlich kreuz und quer durch Mexiko geht, kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den einzelnen Parteien. Doch auch das persönliche moralische Dilemma zwischen Dundee, Tyreen und Peckinpahs eigener Moral in Gestalt des einarmigen Trappers Sam Potts (James Coburn) stellt die Männer immer wieder auf eine harte Probe. Dundee ist schließlich alles andere als ein guter Kavallerie-Offizier. Angetrieben von persönlichem Erfolgsstreben ist ihm jedes Opfer recht, um sein Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite ist Tyreen ein enttäuschter wie nobler Moralist, der eigentlich aus Wut für die falsche Sache kämpft. Peckinpah lässt bei seinen Motiven der Entstehung Amerikas so gut wie kein Detail aus: der mit zweifelhafter Vehemenz geführte Indianerkampf, der klassische Einwandererkonflikt zwischen Engländern und Iren, das Rassismusproblem und der Bürgerkrieg als Hintergrund nutzt Peckinpah, um letztlich zu demonstrieren, dass es eigentlich immer nur eines gemeinsamen Feindes bedarf, um eine Nation zusammenwachsen zu lassen. Mit “Sierra Charriba” schildert Peckinpah eben wieder völlig kompromisslos den wilden (Süd-)Westen. Der Film diente dem Regisseur in einigen Bereichen schon als Schablone für sein Opus Magnum “The Wild Bunch”, den er als nächsten Film erst fünf Jahre später drehen sollte, da ihm Hollywood nach den Querelen bei “Sierra Charriba” die rote Karte zeigte. Trotz seiner facettenreichen Darstellung ist der Film aber nicht ohne Schwächen: nach einer kompakten ersten Hälfte stolpert der Film etwas unentschlossen zwischen verschiedenen Subplots hin und her und verliert sein eigentliches Ziel - die Verfolgung Charribas - aus den Augen. Hier schleicht sich dann auch sicherlich die größte Schwäche des Films ein. Senta Berger als feurige Mexikanerin (!!!) Teresa Santiago und Love-Interest von Dundee ist hier so fehl am Platz und dramaturgisch falsch eingesetzt wie eine Stripperin im Gottesdienst. Nur ein Hinweis auf die problematische Zusammenarbeit mit dem Studio, die aufgrund der besseren internationalen Vermarktung eine europäisch besetzte Frauenrolle verlangten. Trotz dieser offensichtlichen Patzer ist der Film in dieser neu restaurierten Fassung ein echter Hingucker und natürlich besonders für Peckinpah-Fans ein echter Leckerbissen, den es nicht zu verpassen gilt.

BILD

Sierra Charriba

Das anamorphe Bild (2.35:1) der restaurierten Fassung sieht - besonders wenn man das Alter des Materials berücksichtigt - fantastisch aus. Die Vorlage wurde komplett aufgeräumt und nur noch ganz wenige Dropouts und winzige Bildpunkte sind im Bild vorhanden. Trotzdem sind einige der Außenaufnahmen ein wenig verrauscht und etwas grieseliger als der Rest des Bildmaterials. Dennoch sind Schärfe und Kontrast im optimalen Bereich anzusiedeln, aber logischerweise nicht mit aktuellen Produktionen zu vergleichen. Die Farben sind solide und geben die matte Farbpalette, die in ihrer staubig realistischen Gestaltung an “The Wild Bunch” erinnert, gut wieder. Der Schwarzwert ist allerdings in den Nachtaufnahmen, die oftmals mit Filter als Day-for-Night gefilmt wurden, zu dunkel und kontrastarm geraten. Besonders auffällig ist dies bei der ersten Gefangennahme von Tyreen, bei der man leider kaum etwas erkennen kann, wenn man nicht an der Helligkeit dreht. Die Kompression arbeitet tadellos und verhindert zusätzliches Hintergrundrauschen und Artefakte. Gut.

TON

Sierra Charriba

Auch beim Ton wurde kräftig nachgebessert. Der originale deutsche Monoton wurde anständig aufgeräumt und liefert einen soliden Klang ohne das übliche Monorauschen. Dennoch klingen die Dialoge und die Musik ein wenig flacher gegenüber der originalen, englischen Tonspur. Die neu eingefügten Passagen wurden original Englisch belassen und mit Untertiteln versehen. Ein besonderes Schmankerl ist aber der aufgearbeitete DD5.1 Ton, der aus technischen Gründen nur auf Englisch vorhanden ist. Hier handelt es sich nämlich nicht nur um einen “simplen” Upmix, sondern auch um eine andere Soundtrack-Fassung. Für die restaurierte Version, die in den USA sogar kurz noch einmal in den Kinos lief, wurde ebenfalls eine neue Musik eingespielt, die Peckinpah ursprünglich für den Film vorgesehen hatte, aber vom Studio abgelehnt wurde. Das Ergebnis ist erstaunlich und sorgt für einen wesentlich verbesserten Eindruck des Films. Surroundtechnisch werden bei dem 5.1 Mix nur die Musik und ein paar Explosionen in die Effektkanäle gelegt. Ansonsten bleibt die Frontstage der zentrale Hörbereich. Gut.

EXTRAS

Das essentielle Extra dieser Special Edition ist der Audiokommentar der Peckinpah-Experten Nick Redman, Paul Seydor, Garner Simmons und David Weddel. Die vier Kenner plauschen in gemütlicher Runde über alle Dinge die mit Peckinpah und besonders mit “Sierra Charriba” sowie der Restauration des Films zu tun haben. Der geballte Wissensreichtum, einschließlich persönlicher Erlebnisse mit Leuten, die mit Peckinpah zu tun hatten, ist eine wahre Fundgrube an Anekdoten, filmwissenschaftlichen Analysen, persönlichen Einschätzungen und Vergleichen zu aktuellen Filmtechniken. Hier wird jedoch kein seltsames Fachchinesisch diktiert, sondern frei von der Leber weg erzählt, dass das Zuhören eine wahre Freude ist - einfach bestes Infotainment. Getoppt wird dieser Filmgeschichtstrip nur durch den 22-minütigen Auszug aus der brandneuen Peckinpah-Dokumentation “Passion & Poetry” von Mike Siegel. Hier kommen u.a. James Coburn, L.Q. Jones, Senta Berger, R.G. Armstrong und auch Peckinpahs Tochter Lupita zu Wort. Besonders die unglaublichen Geschichten von L.Q. Jones über den berüchtigten Trinker Peckinpah lassen einen vor ungläubigen Staunen aus dem Sessel fallen: “Wild Man” Peckinpah hat seinen Titel wirklich redlich verdient. Allein für diesen “kurzen” Ausschnitt der insgesamt ca. 130-minütigen Dokumentation von Siegel ist der Kauf dieser Scheibe wert. Wahnsinn. Hinter “Riding for a Fall” versteckt sich eine achtminütige Originaldokumentation von 1964 über die Stuntarbeiten bei “Sierra Chariba”. Dieser Film ist sowohl in einer qualitativ guten Version in Schwarzweiss als auch in einer recht schlechten Farbversion vorhanden. Die zwei geschnittenen Szenen zeigen eine höchst interessante Sequenz, in dem sich James Coburn und Maria Adorf wegen eines Mädchen einen Messerkampf liefern, und eine verlängerte Version der “heißen” Badeszene in der Heston und Senta Berger zusammen zu sehen sind. Die Outtakes zeigen wiederum nur einige unwichtige verlängerte Einstellungen. Neben einer Bildergalerie sind auch noch verschiedene Trailer (Original, 2005-Wiederaufführungstrailer und ein Teil eines originalen Promo-Trailers) vorhanden.

FAZIT

Mit “Sierra Charriba” kann man sich endlich mal wieder über eine sinnvolle und gelungene Special Edition freuen. Die restaurierte Fassung des Peckinpah-Films ist schon eine kleine Offenbarung im Western-Genre, die mit dieser hervorragenden DVD-Umsetzung endlich von einem großen Publikum wiederentdeckt werden kann. Selten war ein Western so historisch korrekt und gleichzeitig so kritisch gegenüber der Entstehung der amerikanischen Nation. Als Pflichtkauf dringend empfohlen!!!



Kay Pinno


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