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Millionenspiel, Das   

Millionenspiel, Das
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Original: Das Millionenspiel   (Deutschland, 1970)
Laufzeit: ca. 90 min
Studio: Studio Hamburg
Regie: Tom Toelle
Darsteller: Jörg Pleva, Dieter Hallervorden, Dieter Thomas Heck
Format: 4:3
Ton: DD 2.0 mono Deutsch
Untertitel: --
Extras: Spielfilm
Preis: ca. 25 Euro
Wertung: 2-/ 3 / 1 (Bild/Ton/Extras)


"Die große Show und der Smog"

Es ist die ultimative Fernsehshow: Das Millionenspiel. Wer es überlebt - wird reich belohnt. Wer nicht – bekommt immerhin die Beerdigung bezahlt. Der Leverkusener Bernhard Lotz (Jörg Pleva) ist nach einer Woche auf der Flucht vor Erschöpfung kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Er ist am Ende. Doch nur noch wenige Stunden und er hat es geschafft. Dann ist er im Studio und um eine Millionen Mark reicher. Wenn er denn nicht doch noch in die Hände der Köhler Bande fällt. Und nur weil diese von Dieter Hallervorden angeführt wird, ist mit ihr nicht zu spaßen!

Es war der TV-Skandal des Jahres 1970. „Das Millionenspiel“ brach über das deutsche Fernsehpublikum herein, es presste das deutsche TV-Volk in die Ohrensessel, es krachte an der Fernsehfront wie niemals zuvor. Nicht nur die Geschichte bannte das Publikum – es war die Machart des Fernsehspiels. „Das Millionenspiel“ ist kein Spannungsfilm im klassischen Sinne. „Das Millionenspiel“ ist eine Show. Da ist der joviale Moderator (Dieter-Thomas Heck!), da treten bekannte Journalisten wie Heribert Fassbender und Gisela Marx auf, es finden Umfragen unter Passanten statt, die den Eindruck vermitteln, „Das Millionenspiel“ sei echt! Heute gibt es für Filme wie diesen einen (englischen) Fachausdruck: Mockumentary. Eine Dokumentation oder ein Fernsehspiel geben vor, die Realität abzubilden bzw. sich mit einem realen Ereignis auseinander zu setzen, indem es die Stilmittel der Reportage oder Dokumentation nutzt – in Wahrheit aber ist alles nur eine Show. So wie „Das Millionenspiel“, was viele Zuschauer nicht erkannten!

Nach der Ausstrahlung bewarben sich Dutzende Freiwillige beim Sender WDR, die bereit waren, sich für die Aussicht auf eine Millionen Mark jagen zu lassen. Andere bewarben sich um eine Aufnahme in die Köhler-Bande! Fernsehräte waren empört, die Presse fragte: „Darf man so etwas?“. Der Skandal war perfekt, dabei ging Menges Ärger mit dem Autor Robert Sheckley fast unter. „Das Millionenspiel“ basiert auf der Kurzgeschichte „The Prize of Peril“, die Rechte an der Geschichte hatte Produzent und Autor Wolfgang Menge zwar erworben, sein Eingriff in die Geschichte, ihre Verarbeitung zu einer Pseudo-Show wie „Das Millionenspiel“, sah der Vertrag nicht vor. Was folgte, das war die Verbannung des Filmes in die Giftschränke des Westdeutschen Rundfunks für geschlagene 35 Jahre, bis er 2005 dann im TV wieder ausgestrahlt werden durfte und nun auch auf DVD vorliegt.

Da stellt sich die Frage: Taugt der Film eigentlich was? Oft werden Filme zu Legenden, eben weil sie unzugänglich sind, weil sie nicht zu sehen sind – und weil sie dadurch enorm an Strahlkraft gewinnen. Sind die Werke dann nach Jahrzehnten wieder zugänglich, verblasst der Schein der Legende. Das Werk wird auf Normalmaß zurückgefahren.

Im Fall von „Das Millionenspiel“ muss man klar sagen: Der Film hat nichts von seiner Faszination verloren. In manchen Belangen mag die Realität den Film eingeholt haben, doch unter dem Strich ist „Das Millionenspiel“ auch heute noch ein hervorragender Spannungsfilm, eine ätzende Medienkritik und ein Werk, das einfach zu fesseln versteht.

BILD

Millionenspiel, Das

Das Bild ist hervorragend – für eine Fernsehproduktion aus dem Jahre 1970. Die Farben sind klar, für die DVD-Veröffentlichung wurde der Silberling ordentlich herausgeputzt. Hier und da hätte man die Farbkontraste sicher noch etwas feiner gestalten können, aber im Vergleich zu deutschen TV-Produktionen aus den 1980-er Jahren, deren Bilder oft verwaschen, schwammig, kontrastarm wirken (selbst bei „Tatort“-Produktionen aus den frühen 1990-er Jahren erschreckt oft die mindere Bildqualität), ist „Das Millionenspiel“ ein richtiger Hingucker. Hier wurde eine gute Restaurationsarbeit abgeliefert, offenbar ist aber auch das Ausgangsmaterial vergleichsweise pfleglich behandelt worden.

TON

Millionenspiel, Das

Hier ist die DVD sicher keine Referenz-DVD. Der Ton ist aus dem Jahre 1970. Hier und da hätte man ihm etwas mehr „Wumms“ verleihen können, letztlich wurde der Originalton nur von etwaigen Spratzern gesäubert. Er ist klar, er hat keine Aussetzer, er bringt die unterschiedlichen Handlungsorte (Straßen, TV-Show, hinter den Kulissen er Show) gut zur Geltung. Mehr kann man nicht erwarten.

EXTRAS

Die Extras sind für einen Film dieser Art fett. Auf einer ersten Bonus-DVD gibt es ein Interview mit Wolfgang Menge, dem Mastermind, darüber hinaus präsentiert die DVD die Menge-Doku „Geliebtes Ekel“ (der Titel stellt eine Anspielung auf seine TV-Serie „Ein Herz und eine Seele“ und ihre Hauptfigur Alfred Tetzlaff dar - Alfred wurde gemeinhin Ekel Alfred genannt). Da gibt es nichts zu motzen. Übrigens: Wolfgang Menge war immer nur Autor, er hat seine Filme nie inszeniert. Das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen: Er ist vermutlich der einzige Drehbuchstar, der einzige Autor, dem es im deutschen Fernsehen gelungen ist – als Schreiberling – die Menschen für seine Filme zu begeistern und Starstatus zu erlangen.

Der Knüller-Bonus liegt auf der zweiten DVD or. Die enthält nämlich Wolfgang Menges Spielfilm „Smog“. „Smog“, 1973 entstanden, entwickelte sich gleichfalls zu einem riesigen TV-Skandal, für den Regisseur indes öffnete diese Pseudo-Dokumentationen alle Türen, die er konsequent durchschritt, bis hin zur Tür nach Hollywood: Wolfgang Petersen! „Smog“ erzählt die Geschichte einer extremen Smog-Wetterlage im Ruhrgebiet. In Duisburg gedreht, berichtet „Smog“ von einer Katastrophe, die sich an der Ruhr ausbreitet. Gerade im Ruhrgebiet selbst nahmen viele Medienmacher Menge die Darstellung des Reviers als graue Landschaft übel, man ärgerte sich über die Klischees – der Skandal entstand auch im Fall von „Smog“ darin, dass viele Zuschauer den Film nicht als Spielfilm erkannten, sondern glaubten, tatsächlich eine Dokumentation zu verfolgen. Sogar noch viel mehr als im Fall von „Das Millionenspiel“. So geschickt hantiert Petersen mit den Stilmitteln der TV-Reportage, so natürlich wirken die Bilder.

Dass der Verleiher Studio Hamburg auf eine separate Veröffentlichung verzichtet und der Film als „Extra“ dem „Millionenspiel“ beiliegt, ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass die Bildqualität in den letzten 36 Jahren doch arg gelitten hat. Der Film wirkt so grau wie der Smog. Als Bonus aber ist der Film ein Hingucker. Übrigens: Die Kritik aus dem Ruhrgebiet ist aus zwei Gründen unberechtigt. Zum Ersten: Menge entpuppte sich als Visionär, 1979 wurde nämlich tatsächlich eine erste Smog-Warnung im Ruhrgebiet ausgegeben, der Film nahm, wenn auch in überspitzter Form, die Geschehnisse, die sechs Jahre später folgen sollten, vorweg. Zum Zweiten: Menge war und ist ein großer Freund des ehemaligen Bergbaureviers. Er schrieb nicht nur mehrere Episoden der berühmten TV-Serie „Stahlnetz“, die im Ruhrgebiet spielten (in den 1950-er Jahren eine Sensation, denn als Handlungsorte kamen zu dieser Zeit eigentlich nur Berlin, Hamburg oder München in Frage), zum anderen siedelte er auch „Ein Herz und eine Seele“ im Ruhrgebiet an. Seine Serie, die erste Sitcom des deutschen Fernsehens, spielt nämlich in (Bochum-)Wattenscheid.

FAZIT

Ein Stück TV-Geschichte in sehr guter Qualität, ein Stück TV-Geschichte als Extra und ansehnliche Boni: Mehr kann man von einer Veröffentlichung dieser Art kaum erwarten.



Christian Lukas


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