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Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress   

Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress
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Original: Tatort - Kressin stoppt den Nordexpress   (Deutschland, 1971)
Laufzeit: ca. 75 Min. (PAL)
Studio: Walt Disney Home Entertainment
Regie: Rolf von Sydow
Darsteller: Sieghardt Rupp, Gitte Haenning, Ivan Desny, Yvonne Ingdal
Format: 4:3 Vollbild
Ton: Mono 2.0
Untertitel: ----
Extras: Dokumentation
Preis: ca. 15 Euro
Wertung: 4+/ 3+/ 1- (Bild/Ton/Extras)


"Deutsches Exploitationfersehen der speziellen Art"

Siebenmal ermittelte Sieghardt Rupp als Kommissar Kressin im "Tatort". Ein wirklich großer ist der Ermittler nie geworden. Er sollte so eine Art Tatort-James-Bond werden, ein Frauenheld, Pascha, ein heldenhafter Polizist - aber mit Abgründen, ja einem Killerinstinkt. Wirklich geliebt wurde er nie, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk genoss er intern einen durch und durch miesen Ruf. Wolfgang Menge ("Das Todesspiel", "Ein Herz und eine Seele") schrieb die Drehbücher - und auch wenn er, wie er später erklärte, mit dem Hauptdarsteller seine Probleme hatte, er nutzte die Filme auch, um unterschwellige Kritik zu üben. Kressin führte den vermufften Beamtenstaat Bundesrepublik vor. Er war cool! Und das in einer Zeit, als dieses Wort noch gar nicht in der deutschen Sprache existierte.

"Kressin stoppt den Nordexpress" ist krachendes deutsches Exploitationfernsehen der frühen 1970-er Jahre. Der Film ist nicht perfekt, seine Dramaturgie harkt ein ums andere Mal, der zur Schau getragene Machoismus des Sieghardt Rupp wirkt heute amüsierend und niedlich, aber nicht wirklich männlich. Und dann ist Kressin auch noch ein Sexist. Andererseits: Gitte Haenning, zur damaligen Zeit eigentlich als Schlagerprinzessin bekannt, spielt seinen Love-Interest mit einem derart naiv-ironischen Unterton, dass man Rupps Sexismus eh nie wirklich ernst nehmen kann.

Rupp ist Zollfahnder Kressin. Nach einem Urlaub in Dänemark will er eigentlich nur nach Hause und nutzt den Zug, in dem er drei Kripobeamte aus Köln kennen lernt, die einen verhafteten Gangster nach Deutschland überführen sollen. Als dessen Komplizen einen Befreiungsversuch starten, haben sie die Rechnung ohne Kressin gemacht.

Warum, liebe ARD, habt ihr Leute wie Kressin in den einstweiligen Ruhestand geschickt? Wisst ihr eigentlich, dass ihr mit Entscheidungen wie dieser das deutsche Fernsehen zur ewigen Mittelmäßigkeit verdammt habt?
"Kressin stoppt den Nordexpress" ist kein Meisterwerk, aber verdammt gute Unterhaltung. Es werden keine heißen Eisen angepackt, wie das heute so gerne geschieht, es geht auch nicht darum, menschliche Abgründe zu ergründen oder einen Grimme-Preis zu gewinnen: Es geht um Un-ter-hal-tung! 75 Minuten jagt der Express über die Schienen, dann ist der "Tatort" auch schon vorbei. Ohne unnötige Spielereien, simpel im Aufbau, aber in jeder Form effektiv.

Ja, der "Tatort" hat seine Fans. Und sicher, hier und da hat er seine Highlights. Der "Tatort" aus Münster wäre da zu nennen. Er hat den Humor in die Serie eingebracht, die Sitcom trifft den anspruchsvollen, gesellschaftskritischen Thriller. Das ist Quallitätsfernsehen. Aber wie oft wollen sich die Geschichten als Qualitätsfernsehen verstanden wissen - und bieten doch nur bemühte Langeweile, weil sie sich in den entscheidenden Momenten nicht trauen, Konventionen zu brechen oder einfach mal richtig fies und gemein zu sein?

"Kressin stoppt den Nordexpress" auf jeden Fall kracht. Der Held ist ein Killer, die Ganoven sind gemein. Der Rest ergibt sich aus dem Drehort, der eh keinen Stillstand erlaubt.

Dem Haudrauf Kressin aus Köln folgte der eher biedere Haverkamp aus Essen (der immerhin vom großartigen Hansjörg Felmy verkörpert wurde), erst 1981 wagte sich der WDR mit einem gewissen Horst Schimanski wieder eine Figur ins Rennen zu schicken, die ein paar Jahre lang den "Tatort" anguckbar machte. Als der zu populär wurde, erhielt er kurzerhand einen Grimme-Preis. Und dieser Preis hat bislang jede gute Serie zerstört. Bleibt zu hoffen, dass die Münsteraner niemals einen Grimme-Preis erhalten werden. Kressin hat auf jeden Fall keinen erhalten. Was der Nachwelt vermacht wurde, das sind sieben Kracher-Filme, von denen einer nun auf DVD vorliegt und der in keiner Sammlung, die sich dem deutschen Exploitationfilm verschrieben hat, fehlen darf.

BILD

Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress

Der ist schlecht. Schlicht und ergreifend. Man sieht dem Film sein Alter an. 40 Jahre haben die Farben verblassen lassen. Und zwar gewaltig. Vor allem Außenszenen sehen aus, als hätte Regisseur Rolf von Sydow ausschließlich bei Smog-Wetterlagen die Kamera angeschmissen. Die Kontrastierung fällt eher mau aus, dazu kommen hier und da kleinere Blockbildungen bei allzu schnellen Bewegungen. Das Bild wirkt als sei es von einem Videoband auf DVD kopiert worden. Bei rund 100 "Tatort"-Episoden, die auf DVD erscheinen sollen, ist es es durchaus verständlich, dass bei der Restaurierung Abstriche in Kauf genommen werden müssen. Die Rechtegeber und Verleiher wollen Geld verdienen und sie werden sich genau überlegen, welche Titel mal überarbeitet werden (und trotz des Aufwandes die Kassen klingeln lassen) und welche nicht. Ein "Tatort" wie "Reifezeugnis" von Wolfgang Petersen zum Beispiel hat Geschichte geschrieben. Es ist kaum anzunehmen, dass dieser große Klassiker des deutschen Fernsehens in "Kressin"scher Qualität zur Veröffentlichungen gelangen wird. Dass Episoden aus der zweiten oder dritten Reihe da nicht mithalten können, ist sogar verständlich. Und doch - ein bisschen mehr Kontrast, ein bisschen mehr Farbe hätten "Kreissin stoppt den Nordexpress" einfach gut getan. Übrigens, die zur Bebilderung eingesetzten Szenenbilder stammen vom (Copyright) WDR.

TON

Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress

Der ist schlicht und sauber. Dass hier keine Überarbeitung vorgenommen wurde, ist sogar verständlich, denn Stimmen und Effekte ergeben ein einheitliches Klangbild, das durch eine Überarbeitung unter Umständen hätte verloren gehen können. Er ist nicht berauschend, aber er entspricht dem Ton seiner Entstehungszeit.

EXTRAS

Das Extra kann sich sehen lassen: "Titelgeschichten - Taten, Orte, Kommissare" bietet einen unterhaltsamen und informativen Blick auf die Geschichten der Tatort-Ermittler. Die Doku stammt zwar bereits aus den 90-ern, sie geht allerdings auch kritisch zu Tage. Hier wird nicht alles als toll dargestellt (vom Schlage: "Nach dem Dreh haben wir alle geweint als wir auseinandergingen"), nein, hier wird auch auf Flops verwiesen, auf Pannen, auf Fehler, die im Laufe der Jahre begangen wurden. An Selbstkritik mangelt es nicht. Macher und Schauspieler kommen zu Wort. Auch wenn dieses Extra nicht für die DVD angefertigt wurde, sondern aus dem Archiv gekramt wurde, erfüllt es seinen Zweck erstklassig. Nur irgendwie taucht dieser Titel auch in den Extra-Listen anderer "Tatort"-Veröffentlichungen auf...

FAZIT

"Kressin stoppt den Nordexpress" ist deutsches Exploitationkino in Reinkultur. Ein starker Held, eine schöne Frau an seiner Seite, Action, Tammtamm, ohne Ambitionen. Aber verdammt geil!



Christian Lukas


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