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Harry Brown   

Harry Brown
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Original: Harry Brown   (Großbritannien, 2009)
Laufzeit: ca. 98 Min. (PAL)
Studio: Ascot Elite Home Entertainment
Regie: Daniel Barber
Darsteller: Michael Caine, Ben Drew, Emily Mortimer
Format: 2.35:1 Widescreen (16:9)
Ton: DTS Deutsch DD5.1 Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Deleted Scenes, Kommentar, Making of
Preis: ca. 12 Euro
Wertung: 3+/ 2-/ 2- (Bild/Ton/Extras)


"Sir Michael auf Rachefeldzug"

Michael Caine als blutrünstiger Rächer? Tatsächlich! Der in die Jahre gekommene Sir nimmt es mit Clint Eastwood auf, der mit "Gran Torino" ja auch eine Art Rachefilm gedreht hat. Eine Art, da sein Film doch komplexer ist als Michael Caines Ausflug ins Vigilantentum. Wo Eastwood die verheerenden Auswirkungen zeigt, die von Selbstjustiz ausgehen können, bleibt "Harry Brown" diesbezüglich oberflächlicher.

Rentner Harry (Michael Caine), ein an sich schüchterner Witwer, legt sich mit einer Jugendbande an und scheut vor Mord nicht zurück. Vor vielen Jahren war Harry schließlich Soldat und er weiß noch immer, wie man mit einer Waffe umgeht. Sicher lässt sich dies nicht mit "Gran Torino" vergleichen, "Harry Brown" ist aber auch nicht „Ein Mann sieht Rot Teil 6“. Im Gegensatz zur Rentner-Ballerserie mit Charles Bronson aus den 80-ern (die den düsteren, durchaus vielschichtigen ersten Teil aus den frühen 70-ern geflissentlich ignorierte und Charlie als reaktionären Rächer vielmehr alles abknallen ließ, was nicht ins System passte), nimmt sich „Harry Brown“ zumindest ein bisschen Zeit, um eine gewisse Vielschichtigkeit zu kreieren. So ist Harry alles andere als ein forscher Rächer der Enterbten. Mehr noch als das: Er ist ein Mann, der wegschaut. Sieht er, wie Jugendliche einen Nachbarn verprügeln, macht er die Vorhänge zu. Wird er Zeuge eines Drogendeals, dann rät er einem Freund, einfach nicht darauf zu achten. Harry mag vieles sein, aber er ist keine leuchtende Sympathiefigur. Das Problem ist nur: Es gibt in Harrys Londoner Vorstadt niemanden, der zum Helden taugen würde.

Emily Mortimer gibt im Vigilantendrama eine idealistische Polizistin, die am ehesten als eine moralische Instanz herhalten könnte. Doch sie muss mehr und mehr erkennen, wie jene, denen sie eigentlich eine Hand reichen will, ihr in selbige Spucken, wie ihr Idealismus weder von Seiten der Bewohner des Viertels anerkannt wird – noch von ihren eigenen Vorgesetzten, die überhaupt kein Interesse an einer sozialen Polizeiarbeit hegen. Warum soll die Polizei ausbaden, was die Gesellschaft verbockt hat?

Und die Kriminellen? Die meisten Kriminellen sind Jugendliche, die ohne Perspektive, ohne einen Halt einfach ihre Tage totschlagen. Es wäre allerdings falsch sie selbst als Opfer zu sehen. Für ihre Handlungen tragen sie selbst die Verantwortung. Doch wie soll man mit Verantwortung umgehen, wenn man Verantwortung zu tragen nie gelernt hat? Da beißt sich die Katze in den Schwanz - und bleibt Antworten schuldig.

Was bleibt, das ist Gewalt. Auf Seiten der Gangs, auf Seiten der vermeintlich Gerechten. Am Ende regiert der Hass und eine einfache Antwort - mit einer Kugel - ersetzt die Auseinandersetzung mit dem Warum.

BILD

Harry Brown

Der Film fällt etwas schwach in seinem Transfer aus. Die Farben bleiben, trotz einer an sich soliden Voprlage, ein wenig blässlich, etwa auf dem Niveau einer durchschnittlichen "Tatort"-Folge. Das ist in Ordnung, es wäre aber sicher mehr drin gewesen.

TON

Harry Brown

Was für das Bild gilt, gilt auch für den Sound. Der ist allerdings nichts allzu sehr gefordert, denn trotz der Vigilantenstory ist "Harry Brown" meist ein ruhiger Film, in dem viel geredet und oft auch einfach geschwiegen wird. Am Ende knallt es während einer Demonstrationssequenz dann doch recht derbe in den Ohren. Die Abmischung stimmt, doch eine große Herausforderung stellte der Soundtransfer für den Tonmeister nicht dar.

EXTRAS

Das Bonusmaterial besteht aus einigen nicht verwendeten Szenen, die im fertigen Film allerdings auch nicht wirklich fehlen, einem kurzen Blick hinter die Kulissen (dieser offenbar eher niedrig budgetierten Produktion) und einigen Interviews, die leider die Frage nicht beantwortet, warum Sir Michael Caine auf seine alten Tage die Wumme in die Hand nimmt und einen englischen "Mann sieht rot" gibt. Sicher, Harry Brown ist ein komplexer, schwieriger Charakter, aber er ist eben auch nicht unbedingt das, was man als Darstellung von einem geadelten Großmeister des britischen Kinos als Alterswerk erwartet. Schade, hier wäre ein richtiges Interview interessant gewesen.
Dass der Audiokommentar von Caine und Regisseur Daniel Barber überraschend humorvoll ausfällt, mag irritieren, andererseits: Die beiden sind Briten ;-)

Ach ja: Der Film ist ab 16 und ungeschnitten! Trotz einiger Szenen, die in anderen Fällen bereits zur Indizierungen geführt hätten. Aber wenn Sir Michael die Hauptrolle spielt...

FAZIT

"Harry Brown" hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite ist der Film deprimierend, da er einen Kreislauf der Gewalt zeigt, der offenbar nicht mehr zu stoppen ist, auf der anderen Seite jedoch bleibt unterschwellig die Botschaft, dass Gewalt nur mit Gewalt begegnet werden kann - was wiederum zum gleichzeitig kritisierten Endloskreislauf führt. Letztlich muss sich jeder Zuschauer selbst eine Meinung bilden. Eines steht außer Frage: Michael Caines beeindruckendes Spiel.



Christian Lukas


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