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Rainer Brandt Interview


Brandt gefährlich!


Seine radebrechenden Wortklaubereien sind berüchtigt und als deutsche Stimme von Tony Curtis oder Jean Paul Belmondo ist er Zuschauern immer noch im Ohr: Rainer Brandt ist für einen Großteil kultiger Film- und TV-Synchronisationen von Bud Spencer über Louis de Funes bis „Die Zwei“ verantwortlich - vornehmlich wenn die Akteure nicht im Bild sind. Am 16. August 2008 beehrte der 72-jährige Schauspielveteran den Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega in Gelsenkirchen, um eine Retrospektive seiner Arbeit zu liefern.


DVDrome: Sie sind ja im Nachkriegs-Berlin aufgewachsen und trotzdem dort als junger Schauspieler entdeckt worden. Wie kam’s denn dazu?

Rainer Brandt: Das kam durch eine alte Freundin, die ich damals hatte. Zu der Zeit wollte ich eigentlich Testpilot werden. Die meinte aber das sei Blödsinn und du siehst doch eigentlich ganz gut aus, dann mach doch was mit Film. Damals kannte ich als Film nur Tesa-Film und der klebt. Also was soll ich denn damit. Kino war einfach für mich zu weit weg. Die Freundin gab mir aber einen Tipp zu einer Filmfirma, die damals schon synchronisiert haben. Da bin ich dann hin, aber wusste nicht recht wen ich ansprechen sollte. Und dann fragte ich den Pförtner: „Wo ist den hier die Direktion?“ Sachte der: „Gehense ma ruff in den ersten Stock.“ Na schön, bin ich also raufgehen, aber da waren vier Türen, die waren unbeschriftet. Und ich stand davor und dachte: „In welche gehe ich nu rein?“ Und dann kam ein Typ an, der sah so lässig aus, vielleicht ist das ein Beleuchter, und da sagt er: „Suchen Sie wen?“ - „Vielleicht kann ich ja hier was tun im Film?“ – „Achso“, sacht der „Kommse mal heute nachmittig um fünf ins Atelier 5 und dann fragen Sie nach mir.“ Dann bin ich gegangen und nachmittags wieder ins Atelier 5 gekommen und sachte: „Ich such hier einen – ich weiß nich mehr – der hat nur einen Arm gehabt“ – „Ach Freddie!“ Und das war Freddie (Alfred) Vohrer, der einen Film synchronisierte. Das war mein erstes Zusammentreffen mit der Branche Film.
Und durch Freddie Vohrer kam ich dann auf eine Schauspielschule. Der sagte: „Du hast sonne juten Anlagen. Du musst das auch machen.“ Und von der Schauspielschule weg wurde ich dann schon engagiert an ein Theater. Und damit hatte ich dann schon sehr viel Erfolg. Und nach kurzer Zeit war ich dann schon der Top-Mann im Theater. Ich spielte so was zwischen James Dean und Marlon Brando, sofern es die Stücke am Theater zuließen. Und dann kam der Film. Das dauerte auch nicht lange. Und da kamen richtig gute Sachen – große Sachen. „Riesenrad“, „Fastnachtsbeichte“, „Funeral in Berlin“ mit Michael Caine und dann dachte ich: „So Marlon Brando, mach dich mal auf was gefasst, jetzt komm ich nämlich rüber.“ Aber da kam Vater Filmkrise. Und Vater Brandt war in den Arsch gekniffen. Da dachte ich mir, was machen wir denn nu? Und da hab ich so mit den Freunden gesprochen und Freddie sacht: Du kannst doch jederzeit etwas synchronisieren.“ Ich hab auch sehr viel Fernsehen gemacht in der Zeit. Und dann kam wieder der Rückschritt zum Synchron. Und dann begann diese Synchronkarriere, die eigentlich so gar nicht vorgesehen war.

DVDrome: War die Affinität zur Schauspielerei denn sofort bei ihnen da oder mussten sie sich da erst reinleben?

Rainer Brandt: Nee. Ich bin immer ein Exot gewesen. Und das ist schon in der Familie. Alles Exoten. Wir waren immer Außenseiterisch veranlagt. Die Mutter war Medizinerin, der Vater war Architekt und hat mit den Bauhaus-Leuten zusammengearbeitet, die ja die Picassos unter den Architekten in der Zeit waren. So, aus dem Nest komm ich.

DVDrome: Wie kam denn der Schritt, schließlich selbst Dialogbücher zu schreiben und nicht nur als Sprecher zu arbeiten?

Rainer Brandt: Sehr richtig. Das war damals die Zeit mit Peter Fonda. Diese „Hells Angels“ und diese ganzen Filme. Da hatte ich einen Film, den ich als Sprecher bearbeiten sollte, und da stand irgendein blödsinniger Text und ich wurde nicht schlau draus. Da hörte ich mir das Original an und hab dann so ein paar Takes gemacht. Und dann sagte ich: „Freunde, ich weiß nicht, wer euch hier auf den Leisten gezogen hat, aber was die da oben meinen ist etwas vollkommen anderes! Das ist alles südlich der Gürtellinie! Das ist alles Slang – L.A. Slang.“ Den konnte ich ganz gut sprechen. Und da sagten die „Ach so ist das gemeint!“. Und dann haben wir Take für Take geändert. Plötzlich wurde da ein richtig komischer Film draus und kriegte auch ein Gesicht. Er war immer noch hart genug, besaß aber auch eine gewisse Komik. Ich hatte das im Atelier Take für Take umgedichtet. Dann kam der Inhaber der Firma und sagte: „Wir haben noch so ein Ding da. Damit wir nicht wieder Schiffbruch erleiden mach doch gleich den Text selbst.“ Das war dann mein erstes Drehbuch, das ich für die Synchronisation machte.

DVDrome: Bei welcher Firma waren sie damals tätig?

Rainer Brandt: Es war eine kleine Firma. Ich weiß gar nicht mehr wie die hieß. Die war in dem Haus der damaligen Zeitung „Der Abend“. Das war im Grunewald. Da war der Verlag untergebracht und da war auch ein Studio. Das war eine wirklich kleine Firma, die diese Filme an Land gezogen hat. Wie es auch heute viele von diesen kleinen Garagenfirmen gibt, wo einer sagt: „Ich mache alles!“.

DVDrome: Die Produktionsumstände für Synchronisationen waren damals sicher auch sehr viel „heimeliger“ als heute…

Rainer Brandt: Heimeliger ist richtig. Es gab ca. 100 Filme und fünf Firmen. Heute gibt es zehntausend Filme und tausend Firmen. Die graben sich gegenseitig natürlich das Wasser ab. Darum ist die Branche so kaputt seit (Leo) Kirch weg ist.

DVDrome: Hat sich denn bei der Synchronisation heute etwas weiterentwickelt oder sind nur die Produktionsumstände härter geworden?

Rainer Brandt: Das letztere Besonders. Daraus resultierend sind wir viel schneller geworden. Die Qualität ist dabei erstaunlicherweise hoch geblieben. Heute arbeitet man aber auch für weniger Geld. Durch diese Dumping-Preise wird man halt immer unterboten und letztlich ist ja der Preis interessant für die Auftraggeber.

DVDrome: Heute hat man auch den Eindruck, dass es gar nicht mehr so viele markante Sprecher-Stimmen gibt wie früher. Wo hat man seinerzeit so tolle Stimmen wie den Danneberg, Wolfgang Hess oder G.G. Hoffmann gefunden?

Rainer Brandt: Man kannte sich natürlich untereinander. Der Danneberg war mit eine Erfindung von mir. Genau wie Arne Elsholz als Regisseur und Drehbuchautor. Der ist der einzige, der auf einem Komiklevel reiten konnte, wie ich das gemacht habe. Aber zurück zu den Stimmen. Es gab diese richtig professionelle Ausbildung, die es heute nicht mehr gibt. Wenn einer heute bis drei zählen kann, hat der schon standing ovations. Das gab’s früher nicht. Da musstest du richtig was können. Dann kam dazu die schöne, die herrliche Zeit, wo wir abends zusammengesessen haben. Wir waren immer unterwegs. Da sind hektoliterweise Whiskey durch die Kehlen geflossen. Und damals habe ich noch geraucht – Gauloises oder Gitanes ohne Filter. Das ist vielleicht ein Detail, aber das hat Stimmen geprägt. Auch aus der Zeit raus. Was man gemacht hat, wie verrückt man war. Wie verrückt die Zeit war, was man alles machen konnte, was gar nicht mehr geht heute. Das waren auch die Voraussetzungen, dass du auch bei jungen Leuten markante Stimmen hast. Heute sind die alle sacklos und die kannst du alle beliebig austauschen. Das merkt keine Sau.

DVDrome: Ein Personenkreis, der sprachlich viel von Ihrer Arbeit mitgenommen hat, sind ja Comedians wie Atze Schröder oder auch Mario Barth...

Rainer Brandt: Ja sicher, aber sie sind nach wie vor nicht komisch. Ich versteh nicht warum. Es gibt drei Leute über die ich echt lachen kann und das sind Türken. Deutsch-Türken allerdings (lacht). So wie Django Asül. Das ist hoch intelligent und da kann ich drüber lachen. Aber es ist auch schwer, mich zum Lachen zu kriegen. Ich habe schreiben und lesen gelernt bei Wolfgang Neuss. Das war schon eine harte Schule mit dem politischen Kabarett. Und wenn du mit diesen Voraussetzungen an diese Comedians rangehst und sagst „Lass mal die Hosen runten“ dann fragst du dich „Welche Hosen? Der hat ja gar keine an!“. Kennst du das dünnste Buch der Welt? – „400 Jahre deutscher Humor“ – Ist eben schwierig mit der Komik im Deutschen.

DVDrome: Sie sind ja durch ihre Comedy-Synchronisationen berühmt geworden. Hat sich das aus ihren gemeinsamen abendlichen Touren so entwickelt?

Rainer Brandt: Wir hatten natürlich einen unheimlichen Spaß dabei. Gar keine Frage. Die treibende Kraft dahinter war allerdings ich. Weil ich gesagt, wenn du einen Gag aufbaust – da geht er hin, da kommt der Mittelpunkt und dann fällt’s ab und dann wird ein neuer aufgebaut – das ist so langweilig wie die Nutte, die man seit vier Jahren kennt. Das hat keinen Sinn. Das muss man anders machen. Geht doch mal und guckt mal inne Kneipe und geht doch mal in den Sportpalast und hört euch an, wie die Leute miteinander reden. Da gibt es keinen, der einen Satz aufbaut und zu Ende spricht. Und wenn man das zusammenbringt und aus den Fetzen ein Bild macht, das der Zuschauer weiß, ach davon redet der, dann ist es komisch. Und wenn man das jetzt noch komödiantisch einfärbt, mit den besten Möglichkeiten Komik zu entwickeln, da gehört das Berlinisch zu, ein bisschen Jiddisch, ein bisschen Unterwelt, man muss das alles sehr schön zusammenbringen mit sehr viel Fantasie. Dann hat man die Komik. Und dann lachen die Menschen, weil’s wirklich komisch ist.

DVDrome: Sowas wie Slang ist in den deutschen Synchronisationen ja kaum mehr vorhanden. Wie ist denn da die Zusammenarbeit mit Redaktionen und Filmfirmen? Kann man ihre Philosophie da noch vermitteln?

Rainer Brandt: Das hat überhaupt keinen Sinn. Das sind andere Ebenen. Die verstehen gar nicht, was du meinst. Die sagen: „Wieso? Ist doch komisch!“ Na jut. Wenn es komisch ist, dann ist meine Komik wohl überholt und ich muss weg.

DVDrome: Das muss man glaub ich relativieren. Die Zeit zeigt ja, ob etwas wirklich erfolgreich ist. Wenn man in zehn oder zwanzig Jahren immer noch herzhaft darüber lachen kann, ist das schon ein großer Erfolg. Ihre Synchronisationen sind heute vielleicht ja sogar noch beliebter als bei ihrer Erstaufführung. Hätten sie ein solch langes Nachleben erwartet?

Rainer Brandt: Nee, das hätte ich auch nicht gedacht. Da bin ich sehr angenehm enttäuscht von (lacht). Wenn wir andere Verträge hätten, dann könnte ich da gut wunderbar leben von heute. So oft, wie das wiederholt wird im Fernsehen.

DVDrome: Sie sind ja eigentlich ein Cyrano de Bergerac der deutschen Filmwelt. Sie haben den Schauspielern wunderbare Worte in den Mund gelegt, aber nie so richtig die Anerkennung dafür bekommen. Wie geht man dann mit so einer Ehrung wie im Buio-Omega Club um?

Rainer Brandt: Ich finde die Idee von dem Club erst mal prima. Ich habe sofort gesagt: die Idee finde ich so geil, wenn ich Zeit habe, dann komme ich sofort dahin.

DVDrome: Hat man während der Arbeit eigentlich Zeit gehabt, zu dem verarbeiteten Filmen und Serien eine Beziehung aufzubauen?

Rainer Brandt: Natürlich. Bei so was wie „Die Zwei“ ging das leicht. Zudem kenn ich noch den Tony (Curtis). Und ich weiß, das ist ja ein Komödiant. Das einfachste ist ja, ich habe nicht synchronisiert auf seine Schnauze, sondern auf seine Körperhaltung, auf seine Bewegung. Das war das Komische. Da identifiziert man sich schon mit. Das ist ja nicht nur mein Baby, sondern ich bin ja ein Stück von Tony in dem Fall. Ich bringe ja nur die Komik des amerikanischem Juden in die deutsche Schnauze - dem deutschen Zuschauer nahe. Denn der deutsche Zuschauer würde den amerikanischen Juden ja gar nicht verstehen. Du musst das übersetzen. Was wollte der Autor, der Regisseur seinem Volk vermitteln. Und das muss ich mit meinen Mitteln meinem Volk vermitteln. Da musst du natürlich viel ändern vom Original. „Good Morning Mister Miller“ – „Guten Morgen Mister Miller“ – Das ist schön, das ist am Text und original aber scheiße. Es interessiert keine Sau.

DVDrome: Hat man denn auch Gelegenheit gehabt, mit den Filmemachern in Kontakt zu stehen?

Rainer Brandt: Nein, ich habe mir die Dinger vorgenommen und fertig. Mit den Filmern habe ich eigentlich nichts am Hut. Hier und da kam mal einer und sagte „Bürste mal meinen Text über. Der ist mir zu dünne.“

DVDrome: Wie viel Improvisation steckt da in ihren Texten?

Rainer Brandt: Ja, man kann es reintun. Es ist oft nicht drin. Und deshalb hat man mich auch gebeten, für zu drehende Filme, die Drehbücher zu überarbeiten und die Texte komischer zu machen, wenn es erforderlich war. Ich möchte die Leute eigentlich nur Lachen machen. Wenn die sich auf die Schenkel schlagen und nach 20 Minuten auf die Uhr schauen und sehen, dass schon zwei Stunden vorbei sind, dann war ich richtig.

DVDrome: Die Zusammenarbeit mit den italienischen Filmemachern war aber intensiver. Bei „Sie nannten ihn Mücke“ sind sie auch als Drehbuchautor genannt.

Rainer Brandt: Ja, da war ich von Anfang an dabei. Das war durch die damalige Tobis und Horst Wendlandt, der uns gesagt hat „ Ich habe was mit Corbucci gemacht und mit Sergio Leone zusammen geschrieben“. Und wir haben Sachen entwickelt und zusammen geschrieben. Und da war ich an einigen Filmen – den Bud Spencer Filmen sowieso – von vorneherein beteiligt.

DVDrome: Sie haben ja sogar für das aktuelle Sportstudio Zusammenschnitte von Trainern und Spielern neu vertont. Wie kam es denn dazu?

Rainer Brandt: Na das sind doch geniale Sachen. Ein Geniestreich. Das habe ich zwei Jahre lang gemacht. Als jetzt 25 Jahre Sportstudio war, da waren wir alle eingeladen. Und Harry Valerien – ist ja nun ein schwieriger Mann - , der hat wirklich Tränen gelacht und gesagt: „Du bist ein Genie. Was du aus diesen Dingern gemacht hast.“ Und dich haben sie wieder vorgeführt. Mir war das peinlich. Und dann kamen da Sachen. Ich habe selber so gelacht, weil ich die auch so lange nicht mehr gesehen hatte.

DVDrome: Die Trainer von heute haben ja selbst schon so eine Rainer-Brandt-Schnauze. Wäre da nicht eine Neuauflage ihrer Clips sinnvoll?

Rainer Brandt: Das könnte man durchaus machen, aber das würde niemand bezahlen wollen. Auch wenn das nur fünf Minuten sind, ist das ganze doch eben recht zeitintensiv.

DVDrome: Womit ist Rainer Brandt denn aktuell beschäftigt?

Rainer Brandt: Ich arbeite an einem Theaterstück, aber da kann ich noch nichts verraten, weil ich da noch am fummeln bin. Für sowas muss man den Kopf frei haben und alles andere beiseite lassen. Eines der schwersten Dinge ist eben leichte, komische Unterhaltung zu machen.

Juli 2008, Kay Pinno


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